PIT VIRUS schreibt ...

Ein Symbiont der Net-Ori (Eine echte SF-Geschichte)


TRANKBESS, gewöhnlicher Planet. Kontinente und Ozeane. Bewohner: Odyr, andere Rassen (Bihoran, Katapus, Präleos), vereinzelt Kolonisten und ehemalige Söldner der ERDE. Kaum Industrie. Silberbergbau. Überwiegend Landwirtschaft. Eine blühende, doch arme Welt. Private Militärschulen, den Latifundien angeschlossen. Exquisiteste Einrichtung: Moderne Raumhäfen. Von den Präleos mitfinanziert und errichtet. Wichtigster Handelspartner der Odyr.

"Mein Name ist Berstoff, einst Söldner, und einst auch Docker", - so spreche ich verhalten lächelnd um nicht Provokation zu erwecken, schaue an dem Odyr mutig hoch, in die typisch roten Augen, doch er läuft desinteressiert vorbei. Mir scheint er frech wie ein Vogel. Mein dritter vergeblicher Versuch, ein Gespräch zu knüpfen. Zur schnellen Überbrückung einiger Stunden bis Henry kommt, werde ich ...

Mein Pass trägt die Codes eines verständigen und verträglichen Menschen, doch ich finde heute keine Unterhaltung. Bin ich ihnen zu andersartig? Körperlich zu klein? Zu unbedeutend?

Der Spiegel zeigt mein Wüstenkriegs-Khaki, meine Frohnatur, und einen üppig behaarten Kopf - die äußere Identität. Eigentlich gute Beifügungen für einen Allerweltsplausch in dieser Taverne.

Zum Beobachter degradiert statt Akteur zu sein, auf Warteposition, aufgrund des Vorhabens, dem Rückflug zur ERDE, um das sich für mich alles dreht, blinzle ich zur Theke. Geraume Weile, nun eigentlich gute zwei Stunden sitze ich in dieser bekannten exotischen Taverne, in einem dieser weichen doch zu großgeratenen Strangir-Sessel, trinke das Padlak, übrigens ein gutes Bier, und warte wie schon gesagt auf Henry mit den Tickets.
Der Sessel hat Verwandtschaft mit einem Nagelbrett, denn Nuancen von Unsicherheit lauern in den Gliedern, ich schlage sprichwörtlich die Zeit tot.

Bis zum Eintreffen der vereinbarten Nachricht wird noch Zeit vergehen. Visa und Ticket zu kaufen sind eine langwierige Angelegenheit. Und Angestellte in Amtsstuben sind langsam wie Schildkröten. Meine Ungeduld ist nur ein menschliches Attribut - kein Antriebsmittel für Behörden.
Henry und ich sind Steine eines Spieles, nach denen verschiedene Beamte und Obere greifen. Zurück nach Europa. Gibt es das überhaupt noch? Vielleicht kommt auch der Absturz in das dauerhafte Hier-leben-müssen? In die Freizeit-Langeweile. In die ständige Melancholie der Odyr, die soeben erst Anstalten machen vom Leben echten Besitz zu ergreifen.

Mit etwas Glück schaffen wir den weiten Sprung hinüber, hin zur alten ERDE, nach nunmehr 4 Jahren. Kritischster Punkt, der offenkundige Haken im Fleisch, das wird mir hier so richtig klar wie ein nächtlicher Sternenaufgang, ist die Erlangung freien Platzes für die Passage im Raumschiff. Wie schwer wiegt unser Recht wieder nach Hause zu kommen? Ein Malbuch von Ausdrücken, Dinge für mein Bedenken sammelt mein Hirn, doch der Mund bleibt geschlossen, kein Laut dringt hervor. Dinge nach diesen vergangenen fatalen Kriegswirren um uns, beim Angriff auf KAWEDA. Die Gefangennahme durch den Feind. Darauf die endgültige Zerschlagung unseres Stützpunktes. Die Armee vermutete unser Überlaufen, der Feind hätte uns angeblich "umgedreht", spezielle Informationen ausgequetscht und damit habe man die Festung leichter einnehmen können? Ich verneine dies alles. So war es nicht.

Henry hat die Organisation unserer langen Fahrt nach Hause freiwillig begonnen. Anregung kam von mir. Das Geld haben wir beide gespart. Schon immer schlauer und redegewandter als ich, hat er sich bereit erklärt, dem hiesigen Konsulat die Dringlichkeit unserer Heimreise klarzumachen. Unseren Anspruch auf Gerechtigkeit zu fordern ...

Mein Blick schweift zu den Leuten im Schankraum. Die Odyr lachen unentwegt mit breitgesperrtem Mund, wenn sie betrunken sind, doch diese hier reden unaufhörlich, reden über Kriegserlebnisse. Attentate, teuflische Roboter, schwule Androiden, und vom Angriff auf KAWEDA. Und laut und vielsprachig johlen auch die Docker und Raumfahrer ihre Biergesänge herunter, suchen Spaß und finden ihn im Abtauchen zum Amüsement. Nicht Komfort bestimmt ihr Dasein, sondern die Geselligkeit. Alkohol, Glückspiel, Mädchen. Sie verlieren hier ihre Münzen, und im Grunde vergessen sie dabei die Zeit. Sie haben auch genug davon, vertreten sind zig Altersgruppen, mehrere sind bereits über 100 Jahre alt. Pensionäre, rüstig und zufrieden.

Eine Insel des Frohsinns, des Ausstiegs und auch Wiederbeginns. Wie machen sie das?, - kann man nur fragen. Odyr sind gesellig lebend, aber nur unter Männern, die Frauen verstecken sie Zuhause vor anderen Augen. Frauen erledigen allein die ganze Hausarbeit.

Ein langer Odyr im sauberen weißen Jackett, geradezu ein Leuchtturm im Dämmerlicht des Schankraumes, sucht seltsamerweise einen Partner für eine Partie Schach. Erfreut, dass das Schachspiel bis hierher gefunden hat, in diese entlegene Welt, bekenne ich Interesse und frage ihn forsch:
"Um welchen Einsatz wollen wir spielen? Um 3 oder 5 Münzen pro Spiel?"
Seine Antwort schmeißt mich ins kalte Wasser.
"Um den Betrag von hundert Deka-Münzen, die Zeit muss sich lohnen, ich will verdienen", - und er freut sich dabei wie ein angehender Millionär - siegessicher. Über diese Arroganz erstaunt, ja noch mehr entrüstet, so eine Summe zu fordern - das ist meine gesamte derzeitige Barschaft im Geldbeutel - lehne ich Kopfschüttelnd ab, und sage:
"Das ist mir erheblich zuviel."
Ein Satz, der dem rotäugigen Odyr unbekannt ist, den er gar nicht begreifen will, erst meine ablehnende Handbewegung versteht er und sucht weiter nach einem Mitspieler, den er eventuell austricksen kann.
Kopfschütteln ist wohl für sie nur ein Lapsus des Hirns, ein zufälliges Wackeln oder ein organischer Defekt? Doch mein Grienen über seine Beharrlichkeit versteht glücklicherweise auch keiner. Gut so. Mich beruhigt die stille Feststellung, sie vollziehen eben Zusammenleben auf verschiedene Weisen. Geld beginnt in ihrem Leben jedoch immer mehr Interesse zu erwecken.

Die Taverne am blauen See ist Treffpunkt und fixer Halt auf dem Weg zum Raumhafen. Diverse Sammelsurien von unwichtigen Ereignissen kristallisieren hier zu Ergebnissen, die froh machen. Solche Orte gibt es überall. Auf TRANKBESS vielleicht mehr als anderswo? Im Grunde eine äußerst friedliche Oase.
Nur eines bringt knallharten Unmut auf, speziell solchen der Wirtin, ein Verstoß gegen die Regeln. Zum Beispiel nämlich, mit der eigenen Frau sich hier amüsieren wollen. Tavernen auf TRANKBESS sind strikte Domänen des Mannes und der Schankwirt ist eine Frau, mehr aber eine Domina. Seit Hunderten, ja vielleicht Tausenden von Jahren des Gesetzes. Sie führen kaum Archive, für wem auch. Es ist jedem bekannt. Vererbt vom Vater auf den Sohn.

Seit paar Tagen habe ich frei, wie geplant, und die nächsten Tage auch - immer - von jetzt an. Henry kommt mit den erkauften Tickets und Visa hierher, zur halben Entfernung zum Raumhafen, dann ist es nur noch ein Katzensprung zum Schiff.

Henry war mein Offizier in der Soldatenzeit. Wir sind dem tödlichen Schlamassel bei KAWEDA entronnen, und doch sitzen geblieben aus Abenteuerlust in dieser Welt, einer Welt der einfachen Arbeit und der an den Nerven fressenden Langeweile, dem Gleichtrott der lächerlich-simplen Ereignisse. Wir waren Söldner, Militärausbilder, Ingenieure auf den Starrosten. Docker in gehobener Stellung. Heimat ist nicht ersetzbar.

Heiterkeit spreizt sich auf meinem Gesicht und macht seine Eroberung, ein kleiner Fortschritt in meiner Lage. Gedanken in anbetracht der heimatlichen ERDE und der prima Flüssigkeiten im Krug, der Biere odyrischer Landwirtschaft. Angenehme Dualität, welche auch mich ein wenig melancholisch werden lässt.

Ein farbiger Zoo von Gestalten, das Wort sei Definition, nicht Geringschätzung. Eine multiple Gesellschaft, wobei die Odyr und Bihoran dominieren. Ab und zu eine Gruppe Katapus oder auch ein Präleos. Unterschiedliche Rassen der nahen Regionen.

Grob nehme ich das feste Gefäß mit kräftigem Ruck, berühre damit die Wand mit hellem Klang als habe ich ein Gegenüber zum mittrinken. Leichte Demonstration von Draufgängertum, Bier hat eben Alkohol.
Solche Trinkgefäße sind höchste Wertarbeit, dabei rempelt mich ein ungesitteter Bihoran schmerzlich an, sich dreimal mit Handzeichen entschuldigend, weicht er zurück. Lässig winke ich die Sache ab, und richte meine Gedanken wieder ... die Krüge bestehen aus importiertem Zinn und mit mächtig breiten ziselierten Streifen auf denen Körper des Furchteinflößenden Zimplers, auch einheitliche Wappen der Odyr, aber auch Tabakblüten prunken. Am Rand schwarzweiße Quadrate - Symbole des Militärs. Samt Flüssigkeit schwer anzuheben und zum Munde zu führen. Leichte Übung der majestätischen Odyr, die kleinen Katapus haben damit schon große Probleme, sie müssen zwei Hände nehmen, wie Kinder mit schweren Büchern. Ich nicht.

Wunderlich ist die Abfüllung dieser Krüge. Eine kleine unscheinbare Maschine von den Präleos geliefert, viel gerühmt in Ihrer Funktion der Automatik, installiert mit ebensoviel Reichtum an Silber am Platz der 10-Meter-Theke; sie vollbringt das banale Werk des Füllens der Humpen genau auf das justierte Tausendstel der Menge des Gebräus, genau nach hiesigem Gesetz und parallel ertönt stets eine Melodie dröhnender Marschmusik. Grundsätzlicher Tenor der Taverne.

So in Gedanken nippe ich am Bier und gelangweilt wende ich den Kopf wie ein lahmes Wiesel, suche nach exklusiver Abwechslung. Nach Attraktionen, einfach mehr nach Ablenkung. Ich warte auf Henry, diese Sache geht mir nicht aus dem Kopf, sie ist eingebrannt oder zementiert. Zu verständlich. Henry kann man vertrauen. Im Krieg musste ich ihm oft vertrauen, zu Recht, was er bewies, und er hat einen guten Ruf von damals. Alle Jahre war er verantwortungsvoll und gewissermaßen ein helfender Freund. Warum soll es nun anders sein?

Die Warterei kostete mich schon zwölf gewichtige Münzen für Padlak und Terminal, was mir gar keinen Ärger verursacht. Eher meine Ungeduld. Stures beglotzen der Monitore, das interaktive Game betreiben, das ist mir nicht gerade abstrus, hier doch zu fremd. Die Games haben die Actionschwere und Strategien. Mir ist einfach nicht danach. Ameisen rieseln auf meiner Haut. Spannung im Körper allein durch das Vorhaben und Henrys Ausbleiben. Das ist der Fakt. Man braucht schon eine Portion Assimilation und Sarkasmus um dies durchzustehen.

Odyr huldigen dem Black Jack, Weibern oder virtuellen Welten. Immer das gleiche. Ein Gespräch mit ihnen? Man kann sie nicht ohne weiteres in solche verwickeln. Und der weite Anlauf ist mir zu blöd. Alles ist anders als im "Mahagoni-Club" am Raumhafen. Lange bin ich sowieso nicht mehr auf dem Planeten, dabei beginne ich fast zu lachen.

Der Schankraum zeigt gewaltig breit gerundete Decken in der Höhe von 3 Metern, durchzogen von starken bräunlichen und rötlichen Holzbalken, so beweisend, das Hunderte Jahre die Gemäuer und Holzskelette schon existieren, doch immerhin modernisiert mit riesigen Silberplatten und darauf aufgesetzten Länderwappen, auch mit Ausrüstungen für Computerspiele verschiedener Fasson, deren Displaybuttons mit spitzen schlanken Edelholzstöcken bedient werden, so aus den Liegen heraus, diesen harten Sofas mit der Bezeichnung Sukull-Liegen. Und gar überdimensional-große Hologramme in Echtfarben, frivolen oder Furchteinflößenden Charakters, die für sich selbst Entitäten darstellen und scheinbar doch ein kohärentes Eigenleben haben, was Auslösung und Effekt betrifft, schmücken den Raum wie ein Museum. Eine gerissene Vielfalt, auch penetrante Unersättlichkeit. Fesselung der Gäste. Es gibt nichts was nicht angeboten wird.

Sie vermitteln das eigenständige Dasein von Dingen, und wir haben doch gelernt, das Dinge tot sind - nun eben halbtot. Monumentalstes Hologramm, der gewaltige Kopf eines Dinosaurier auf eine Ebene projiziert, mit monströsem eckigem Gebiss, welches auch wirklich vermeintlich zubeißt, man hat tatsächlich Schmerzempfindungen, einen noch erträglichen Grad, streckt man nur die Hand auf die Zähne bewehrte Maulöffnung aus. Sie klappt virtuell zu und Poing! Oder auch ein fieser Illusionist, so realitätsnah, dass sein Trick, Mädchen auszuziehen, mit einem Licht unbekannter Strahlen, ganz wirr im Kopf macht. Wie funktioniert das? Aufgrund vorheriger Besuche kenne ich die Einrichtung, aber nicht deren Physik.

Entgegengesetzt der Eingangstür glänzen Präsidentenbilder an Holzbeschlagenen oder Teppichbehangenen Wänden, auch ausstaffiert mit akustischen Playern für militärische Marschmusiken. Die Odyr sind mit zweiter Natur Soldaten. Freizeitsoldaten. Wohl aufgrund ihrer gerühmten Tapferkeit. Ein Geschäft, das viel Geld bringt, im Weltall gibt es stets Kriege.
Der Schankraum, mindestens Dreihundert Quadratmeter messend, fasst schließlich das gesamte Geschehen an Unterhaltungswert. Diverse Etagen darüber sind Logen für die Mädchen.

Lässig überschlage ich abseits in einem dieser bunt-schreienden Sessel, dem Strangir, meine Beine so betont wie ein Snob. Ja verhalten kann ich mich wie ein Schauspieler. Nur nicht so leben. Aufmerksamkeit heischen hat unter diesen großen Männern der Odyr aber keine Wirkung.
Solche Sessel sind gewohntes Interieur, wie auch die mit herben Gerüchen nach Pilzen gebeizten Tische mit Fächern für Spielmarken, und den Tastaturen für Bildschirme, und wichtigen Glücksspieltelefonen mit Feedback, annähernd eine Art großzügiger irdischer Clubausrüstung.

Die Odyr sind sehr groß, etwa durchschnittlich Zweimeterzwanzig, und kräftig, obwohl eigentlich durchweg Vegetarier, doch für Drogen und Bier und Tabak haben sie einen Faible. Entsprechend ihrer Befindlichkeiten sind die Strangir. Für uns Menschen keine geeignete Anpassung, eine Nummer zu riesig für uns. Und wir Erdbewohner sind nur einige Tausende hier, warum sollten sie sich auf uns einstellen?

Meine Füße hangeln in der Luft, aber das ist mir schlicht egal; ich will nicht meine Männlichkeit herausstreichen, ich habe nicht den Bedarf eines ihrer hübschen Mädchen zu freien. Dunkelbraune Stiefel an den Füßen, wie abgebrochene Feuerleitern oder wie die kurzen Beinchen eines Kindes, ein gutes Stück über dem Boden, so liege ich förmlich im Strangir. Und die Blicke einer lüstern dreinschauenden Odyr mit großen verdeckten Brüsten zeigen deutlich, die pure Lächerlichkeit, eine biedere Schwächlichkeit, die meine Statur in diesem für mich kaum brauchbaren Sessel ausdrückt.
Sie ignorierend wende ich mich abrupt ab, für sie kann ich nichts tun, tastatiere das Keyboard des runden Terminals mit einigen harten Anschlägen, von mir gemietet, denn der persönliche Button blinkt unaufhörlich auf dem Plate, verlangt Action und zeigt die erwartete Existenz eines Info an, und ich empfange die Nachricht von Henry, sie ist kurz:

TERMINAL 335
From: hkÆk210.trankbess.ab
To: mbÆk210.trankbess.ab
SENT: 24.536.2001.9.27.17.24
>>Hier Henry: Habe gebucht BALLENKARCH, Tickets und Visa vorhanden, komme sofort<<.

Mein Herz schlägt bis zum Hals, und die Freude nimmt die Amplitude des Wohlbefindens. Welch ein Glück für uns, geruhsam schalte ich den Mechanismus des Terminals aus. Eine schwere steinige Last fällt von meinem Herzen, es ist alles geregelt. Nun kann kommen was wolle - nur kein Ärger. Die ERDE ist wieder nah. Und mir ist auch ebenso redselig zumute.

In einer der finsteren, von Licht abgeschirmten Ecken, würfeln einige dicke Bihoran um beachtliche Mengen Geldes im Spiel Kofolas, einem Analoga vom irdischen 17+4. Bihoran sind mittelgroß, meist dick. Aufgrund ihrer doppelten Anzahl von inneren Organen neigen sie zu hohen Lebenserwartungen. Ihr rasseartiges Aushängeschild sind große lange Nasen, sie sind daher auch konsequente Raucher. Welch ein Zusammenhang? Schnüffeln den Tabaksdunst wie Bier.

Das "Muruuuuh, muruuuuh gladaaaah" erschallt. Zwischenkasse. Die neue angebrochene Medax bezahlen. Einige Leute laufen zu den Automaten, andere verlassen die Taverne.
Auf dem flachen breiten Dach übern Haus, auf einer Loggia, brüllt der Zimpler, ein abschreckend bösartiges Tier. Das Wappentier der Odyr aufgrund seiner Stärke. Man schreibt ihm auch eine gewisse Halbintelligenz zu. Er brüllt im Rhythmus der Medax, natürlich angekettet und in einer Schutzvorrichtung eingesperrt. Ich glaube die großen spitzen Zähne sehen zu können, und ich höre sie wohl auch schrecklich knirschen, in einem robusten furchterregendem Klotz von Kopf, und halb Körper eines riesigen Gorilla und halb pantherartigem Geschöpf mit scharfen Krallen, damit versetzt das Tier alle in einen schaurigen und zudem gewollten Nervenkitzel.

Selbst Betrunkene dünken sich nach diesem Gebrüll fast wieder nüchtern - fast. Und Leute, die weiterzechen wollen, stecken erneut die Sache respektierend eine beachtliche Anzahl kleiner Münzen in die dafür angebrachten elektronischen Schließfächer. Jeder Anwesende hat eine Zuordnung, mit Signatur, die seit Eintritt durch die Tür per Scann automatisch angefertigt wurde. Schlaue Software.

Damit herrscht Eindeutigkeit über Kommende und Gehende in diesem Raum. Keiner entkommt dieser plausiblen Markierung und sie entrichten ihren Obolus ohne Murren, Zechprellerei ist eine Todsünde. Eine ausreichende Spanne von einem Medax, drei Stunden, kann man nach dem notwendig opfervollen Salär wieder die Räume und Angebote nutzen.

Der Zimpler ist das prägnante Icon, hier auf dem Dach eine Nachzüchtung, das Original stammte und lebte ehemals in Urzeiten der Welt TRANKBESS, sozusagen ist die Nachzüchtung ein lebendes Relikt. Ein Produkt katapus'scher Züchtung, man erzählt, sie haben die besten Biologen. Jedoch wie man ihm hier das pünktlich einsetzende Brüllen beigebracht hat, weiß niemand so richtig. Vermutungen schwirren natürlich durch die Münder. Doch es wird nicht die Peitsche, nicht die Lanze sein, die ihn aufstachelt, sondern bestimmt gewöhnlicher Strom?

Der Duft verglühten Tabaks steigt mir in die Nase, zielsicher gemischte Präparate mit wohlklingenden Namen wie Berita oder Fasy, des Kilön oder Sdaycu, ihr Dunst hängt an der Decke wie eine giftige Mahnung. Hier verzichtet man bewusst auf ein Absaugen des Qualms. Dieser blaue Dunst vermehrt gerade die Faktoren der Beliebtheit der Taverne, die sehr frei übersetzt immerhin "Burschikoser Raucher" heißt.
Donnernd wurde wieder die mit Silber beschlagene Tür aufgestoßen. Schon einige Zeit nervös, schaue ich nach und sehe den Mann nur leicht verschwommen, das Padlak ist stärker als irdisches Bier, doch der Mann ist nicht Henry, das erkenne ich - ein Präleos vom Raumhafen. Zwei Schiffe haben seit Tagen aufgesetzt, eins der Präleos betreffs Tabakhandel, und eins der Bihoran nach dem Planet BALLENKARCH - eine mögliche Route zur ERDE. Unserer Route.

Das geißelnde Thema bricht mich in den Gefühlen auf. Meine Ungeduld aktiviert das Terminal, ich setze eine Anfrage an das Konsulat der Stadt Gadafka ab. Das ist der Ort, wo man Visa und Tickets bekommen kann.

TERMINAL 9750
From: mbÆk210.trankbess.ab
To: gd.visaÆk210.trankbess.ab
SENT: 24.536.2001.9.27.18.17
>>Anfrage an Konsulat von Gadafka, Sekretariat: Sind Plätze im Raumschiff nach BALLENKARCH auf die Namen Berstoff und Kaltofen gebucht?<<.

Mehr will ich nicht wissen, Kontrolle schadet nicht, sie garantiert mehr Sicherheit. Früher hatte ich nie Zweifel mit Henry. Doch man verändert sich wohl in heißen Zeiten. Ein klein wenig Schamröte steigt mir ins Gesicht.

Es wird Zeit Vernunft anzunehmen und ich öffne das perlmuttartige Etui, die Ghasy-Pillen. Henry würde jetzt sanft lächeln. Henry verträgt mehr odyrisches Bier. Eine Pille lege ich auf den Handrücken und schmeiße sie in den Mund. Klack.

Der Präleos, ein Zweimeter-Mann, gewellte goldene Haarmähne bis zu den Schultern, ein wirklich löwenartiger Präleos, ein stilechtes Gesicht vom Löwen. Leicht gefältelt, ein Kranz von einem adrigen Muster um die Augen, aber körperlich menschlich, in dreckigen Hosen und gefleckter Jacke, blankem Messer an der Seite. Redet an der Speisetheke, als gebe es kein anderes Ziel hier, keine Weiber, keine Monitore, kein Glücksspiel, kein Bier. Offensichtlich treibt ihn Hunger? Zugegeben, er hat seit dem eintreten eine eklatante Ausstrahlung, solche Kategorien wie Stolz, Unbeugsamkeit, Kraft, Männlichkeit.

Bitter für die anderen. Sie fühlen sich mattgesetzt, herausgefordert, angegriffen, ja untergeordnet. Ja vielleicht kalt abgemurkst, betrachtet man manch ernstes Gesicht.
Manche staunen auch nur, aufgrund seiner stattlichen Erscheinung oder einer eventuellen Nachahmung ihrerseits, die nicht derart eindrucksvoll verläuft. Und andere zeigen selbstbewusst Gleichgültigkeit. Noch nie habe ich einen Präleos aus fünf Metern gesehen.

Murmelnd erst artikuliert er sich durch eine hohe, aber keinesfalls fisplige Stimme, und das junge Girl an der Theke lächelt, sie beginnt die Bewirtung. Dabei pfeift und zwitschert er so in der Manier wie die Gilde der Tabakhändler. Mir klingen seine Worte wie fließende Melodien in den Ohren, odyrische Melodien. Sprachausdruck ist für Präleos eine Kunst allein, etwas das nicht jedes Volk so determiniert.

Plötzlich geraten seine Haarbüschel wie von selbst in Veränderung, in fließende Bewegung, als ob Wind hineinfährt und die Locken verwedelt, was er jedoch nicht beachtet. Ein dunkelrotes Etwas stößt an die Oberfläche des dichten Haargestrüpps und das ganze Kerlchen, etwa 20 Zentimeter groß, hebt sich aus den Haaren, als hätte jemand ein Tuch weggenommen, das ihn vordem verbarg.
"Ein Net-Ori", - so fällt die geflüsterte Bemerkung der dreinblickenden Odyr mit großen roten Augen aus. Mein Hinsehen vergewissert meinem Verstand, da ist ein kleines menschliches Gesicht. Man hätte die berühmte Nadel zu Boden fallen hören können. Und das Menschenäffchen beginnt vom Haaransatz, die dichten blonden Haarsträhnen des Präleos zu ziehen und zu reiben. Ein balsamieren, ein eincremen, denn es fasst sich dabei ständig an den Bauch, als hole es Sekrete von einer Drüse und befeuchtet damit die Haare.

Schlagartig wendet sich wieder die Situation und anfängliche Stille weicht aufgeregten Debatten. Ich glaube, die Existenz des Äffchens in den Haaren eines Präleos fasziniert einfach derartig die Leute, doch die Gespräche offenbaren mir diametral gegenüber, große Brocken Vorsicht oder gar Angst.

Just in diesem Moment denke ich wieder an Henry, meine Gedanken pendeln alternierend zwischen Henry und Taverne. Gedanken pressen sich zu Taten, ich stehe unter erbärmlich hohem Druck und meine Finger trommeln auf die hölzerne Tischebene, wie winzige Presslufthämmer. Seine Langsamkeit, sein Nichterscheinen ist ein schlechtes Omen. Irgendetwas muss passiert sein? Wieder trete ich an das bernsteinfarbene Terminal. Die Antwort ist noch nicht da. Langsam traue ich ihm alles zu. Vielleicht hat er auch damals in KAWEDA tatsächlich mit dem Feind gemogelt?

Radau entsteht mit einer Schnelligkeit, Stoßwellen giftigen Lärms, wie bei Eruptionen von Vulkanen; die Odyr reden stark gestikulierend durcheinander wie vor einem Gerichtsstand. Lauter, starker Tumult. Die Bihoran schlucken Medikamente der Beruhigung. Panik. Sie kennen anscheinend die Gegebenheiten der Symbiose eines Präleos mit einem Net-Ori? Und blitzschnell ist die gesamte Taverne informiert - nur ich nicht.

Die Pille Ghasy wirkt in mir radikal. Die alkoholische Wirkung ist weggeblasen. Der Wirkstoff hat nun auch keinerlei Restalkohol mehr in meinem Körper belassen. Eigentlich schade. So munter bin ich, wie vordem beim Betreten der Taverne.

Ein Odyr neben mir klärt äußerst hastig einige Bihoran auf: "Der Net-Ori pflegt in einer Art Dienst auf Lebenszeit, wenn nötig auch auf den Schultern eines Präleos, dessen Haar. Für delikates Futter ...". Enorme Verwunderung erlangt in mir dazu das gemurmelte Anhängsel, dass eben diese Symbiose dem Präleos dafür ein langes Leben vermacht, seinen Alterungsprozess erheblich verlangsamt, durch eine Umstellung seines Metabolismus mittels dem Sekret.

Wer mochte dies nicht? Ein Vorteil, der mehr wiegt, als der meiner Pillen. Ein harter Rest der Nachricht schraubt sich hintendrein, der mir die Sprache verschlägt, und ich bewege mich schleunigst weit fort von Tür und Theke, und von dem Präleos.
" ... solche Präleos sind auch oft Räuber, brutal und rabiat führen sie ihr Geschäft aus, sie haben nur ihr Ziel vor Augen. Sind ohne Rücksicht. Gewalttätige. Vielleicht gar Killer? Der Net-Ori kann nämlich, im Gegensatz zu seinem Anschein eines niedlichen zierlichen Wesens, mittels eminenter, stets zum Erfolg führender Hypnosekünste, beliebige Lebewesen, absolut ruhig und still machen, sozusagen kampfunfähig. Diese Anlage des Net-Ori beruht auf einem unbekannten Mysterium. Und der Präleos macht als Folge und Zweck des Aktes gekonnt die beste Beute."

Friedhofsstille dominiert in der Taverne. Die wehrhaften Odyr greifen nach den Displaystöcken, die Bihoran nach zierlichen Giftspritzen. Alle Mädchen sind verschwunden, die Terminals verwaist. Andere Gäste sitzen wie Salzsäulen an den von Geldmünzen geleerten Tischen.

Der Net-Ori nimmt aber von keinem Notiz, wider Erwarten der angstvollen Reaktionen. Im Gegenteil, ich glaube einen Ansatz von belustigtem Grienen auf seinem Minigesicht zu erkennen, das in mir zweifelsfrei gute bescheidene Ahnungen weckt, die ich kaum aussprechen möchte, um nicht andere zu provozieren.

Der Präleos verschlingt in kurzer Zeit, zu Tempo getrieben von der störrischen Situation, ein riesiges Steak von einem trankbess'schen Ochsen. Der Net-Ori einen speziellen Salat mit Muscheln. Der Präleos bezahlt, schlendert geruhsam zur Tür, seine Physiognomie drückt löwenartige Brutalität aus, wohl Zweck der Macht? Er hat den Net-Ori Huckepack, tritt ohne das Umfeld weiter in Augenschein zu nehmen hinaus. Und die Bühne ist fast leer, das Stück gelaufen. Doch nichts ist passiert.

Da sind die beiden ja theoretisch zu jedem Verbrechen in der Lage, mache ich noch die abschließende Überlegung. Direkt froh, dass Henry noch nicht mit den Tickets zum Heimatplaneten aufgetaucht ist, bestelle ich wieder ein Padlak. Und schnell begebe ich mich nun an das mir zugeordnete Terminal, es kostet ja auch einiges Standgeld. Die Antwort von Gadafka ist da:

TERMINAL 44
From: gd.visaÆk210.trankbess.ab
To: mbÆk210.trankbess.ab
SENT: 24.536.2001.9.27.19.47
>>Das Raumschiff "UPSS" nach BALLENKARCH ist vor 30 Minuten gestartet. Ein Platz für eine Person Kaltofen war gebucht. Für Person Berstoff war nicht gebucht.<<.

Mein Gesicht sammelt plötzlich wohl mehr als glühende Röte, es ist schon eher eine grässliche hervorstechende Akne, denn die Odyr schauen besorgt zu mir und zwei oder drei wollen Fragen stellen. Unbeherrscht schreie ich: "Verdammt, verdammt!" und steche mit dem Messer wie ein Wüterich auf das Keyboard ein, dass es zerspringt wie Glas, was sie zurückdrängen lässt wie Aufgeschreckte. Sie erkennen eine mir persönliche Not. Diagnose: Schock. Und ich versinke in dem Strangir, die zerdroschenen Bruchstücke der Tastatur vor Augen, nun schon nach Sekunden bereits weiß wie eine Kalkwand.

Mein Kopf summt. Vielleicht liegt doch etwas Wahres in dem Gerücht, dass die Armee den Fall KAWEDA noch einmal untersuchen will, denn KAWEDA möchte Handelsbeziehungen mit der ERDE, gibt also den Status der Bereitwilligkeit für Diplomatie? Und die Eroberung des irdischen Stützpunktes durch den Feind soll damals recht mysteriös gewesen sein? Und er hat sich aus dem Staub gemacht, wenn das kein Zusammenhang ist?.

Das Kneipenpublikum diskutiert auch lauthals weiter. Aber da funkt plötzlich nochmals ungeheurer bitterer Zorn, es treibt ihn auf mein Gesicht, wegen einer anderen Überlegung. Und der nochmalige Fluch: "Henry ist fort!", - verlässt die Lippen mit grausamen Gedanken, die sich nicht mehr erfüllen lassen.

Verärgert schaue ich dem Präleos durchs Fenster hinterher und entdecke verschämt, nicht jeder Ruf ist auch wirklich wahr. Der Net-Ori ist ein ganz friedfertiges Wesen. Taten entscheiden. Aber Henry ist ein schamloser Gauner, ein Schwein, und er hatte doch den besten Ruf.

Nach einer Weile.

Frohes kraftbringendes Grinsen fasst nach meinem Gesicht, denn ein neuer Gedanke bringt Euphorie, ja es ist die Hiobsbotschaft für mich, ich werde eine Tierfarm kaufen und zwei Net-Ori für eine Züchtung dazu, hier auf TRANKBESS.

Langsam gehe ich aus der Taverne, einige Odyr schauen mir hinterher, die Medax ist erst zur Hälfte um. Ein winziges Lächeln umfasst mein Gesicht, die Faust in der Hosentasche umspannt die verbliebenen Münzen.

© MSTe 2001

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Zuletzt bearbeitet: 24.9.2001