PIT VIRUS
kramt in lädierten Tagebüchern, die noch auf der Festplatte lümmeln für ein Millennium-Dasein...
1999er Tagebuch, Januar bis März, Träume und -Innerspace-.

01.1.1999, Freitag, Neujahr, 11:3o Uhr.
Herrliches Mittagessen (Hirschmedaillons, Williams-Birnen-Kartoffel, grüner Spargel, Blanchet) heute zum Neujahr. Kochen kann Gudrun sehr gut. Als pikante Zugabe das Neujahrskonzert aus Wien im ZDF. Grüne Melodien von Strauß.
Mittendrin macht Gudrun plötzlich Bemerkungen, wie ich sie auch tätige, übt redegewandte Praktiken wie ich sie auch ausführe. Ein Lachen legt sich über mein Gesicht, ist sie etwa eine der berühmten und gefürchteten BORG? Ein komplexer Kollektivletepath? STARTREK lässt grüßen.

08.1. 1999, Freitag, 5:00 Uhr.
Spukhafte Finsternis. Ich fühle meinen Körper, das weiche Bett, die Luft, ich empfinde den morgendlichen Vorgang des Aufweckens als "eiligen Durchbruch des Bewusstseins", als primär bedeutendsten Ritus des Lebens. Jeden Morgen. Das Aufwachen ist Leben. Der Stolperschritt in das wirkliche SEIN. Wir reiben die Augen. Wir sind keine Maschinen die sich automatisch mit dem Hellwerden einschalten. Wir wachen auf mit dem Lied: "Und wenn Gott will werden wir wieder geweckt... ", ganz lautlos, ganz dezent. Oder ähnlich? Vielleicht auch mit einem Husten?
Sentimental, und doch Wirklichkeit, ja auch glaubhaft. Auch Rationalität ist durchsetzt von Wundern. Selbst Naturwissenschaftler geben dies zu. Das verraten ihre Bücher. Ob der "Gott" nun morgens GUDRUN heißt oder COMPUTER oder "Bedenke Phlebas", das ist demnach ganz egal. Ein prima Buch tut's also auch. Wir alle haben unseren Gott... So nahm ich mir vor "Labyrinth der Sterne" von JOHN BRUNNER, 1992 im HEYNE Verlag herausgekommen, zu lesen. Zum zweiten Mal...
08.1. 1999, Freitag, 7:00 Uhr.
Die Waage zeigt ein Nettogewicht von nackten 91,5 kg. Zu viele Partikel in eine nicht mehr regelmäßige, nicht mehr adonisprächtige Form gepresst. Um diesen Krisenpunkt ellipsiert mein Gewicht wie der Friedhofswärter um die verwitterten Gräber. Unklar, unsicheren Schrittes.
Im gewissen Sinn sind überschüssige Pfunde auch Leichen, lästige zwar, und Fettleichen dazu, die am Körper hängen und pietätvoll umher getragen werden müssen. Man stellt sie unbewusst zur Schau, wie auf dem Modellaufsteg, und wird doch danach taxiert. Als Fresskopf, als Saufaus, als Gleichgültiger, oder im positiveren Fall als properer Mensch, als Geselle der das Leben meistert, der damit zurecht kommt. Nur die Mageren kommen überall durch, selbst durch ein Nadelöhr.
Aber man versucht das Abnehmen vielleicht auch durch Zigaretten? Durch Pillen? Durch Diäten? Aber FDH, sprich "Friss die Hälfte", ist wohl das Natürlichste und Spektakulärste?
Gern möchte ich zehn kg verkaufen, runterstrampeln, abgehen lassen, wegdenken, durch Aktivität loswerden, gar versteigern oder verpfänden... Man wird sich selbst sonst unbequem. Und ganz schnell hat man sich aus der Gruppe der Menschen, die derzeit noch das Pseudonym >IN< tragen, wegkatapultiert in die Gruppe derer, die >OUT< scheinen. Wie von einer sekundenschnellen Zeitmaschine transportiert.

09.1. 1999, Samstag, 19:00 Uhr.
RTL "EXPLOSIV", wieder stöbern Nachrichten meine Gedanken auf wahrlich explosive Weise hoch zu Bergesspitzen: Flugzeuge stürzen ab, ein Selbstmord, die Zugentgleisung, der Überfall, das Attentat. Meine Wirklichkeit ist Phantastik. Und meine Phantastik ist Wirklichkeit (kurz: Phantastik <=> Wirklichkeit, nach dem mathematischen Folgern "Dann und nur dann... "). Vorwärts und rückwärts gültig. Die Welt-Zeit-Linien sind mir in dieser Union ein Gräuel. Tausende harter unüberwindlicher Barrieren und dunstige Nebel nehmen die Durchsicht. Gibt es doch den ZUFALL? Oder gibt es wirklich die Übermächtigen der Gruselliteratur? Wer bestimmt? Die Physik oder Gott? Ein Gott-gewollter Determinismus? Vielleicht sind wir in 100 Jahren weiter mit unseren Diagnosemoduln für diese Belange, für menschliche Gefühle? Vielleicht können wir dann unterscheiden zwischen Physik und Wundern?

10.1. 1999, Sonntag, 8:10 Uhr.
Aufgestanden. Noch immer ist die Welt heute früh finster wie ein Kino. Lichtmangel. Ich lege meinen Hintern auf den Stuhl vorm Computer, den Rest dazu, und hämmere Buchstaben in wilden Anordnungen über den Keyboard. Endlich hat mein Universum eine golden-blaue Farbe, und ich sehe alles in diesen Schattierungen. Gudrun ist für 8 Tage in Tirol. Genügend Zeit zum Computern. Nichts gegen Gudrun, doch Computerarbeit fordert vor allem Tiefgang und Alleinsein, und das nun für einige Tage. Mir wird schwindlig vor Genuss, ein zugleich beschämendes Vergnügen, da ich glaube sie merkte meinen Angriff in dieser Richtung vor der Abreise. Mein Kopf ist ein Schwamm, vollgesogen mit Ideen, die ich schon längst verwirklichen wollte, und nun urplötzlich ist Zeit gekommen für diese Schreiberei. Ich glaube das Glück ist herbeigeeilt...
10.1. 1999, Sonntag, 10:10 Uhr.
Auf zu Michael STÖHR. Im Laden kaufe ich ein Mittagessen für zwei Personen und fahre los. STÖHR ist allein. Wir schwätzen "was das Zeug hält", über literarische Wüsten und Oasen, wie über die großen Städte: Unbekanntes, Vermutetes, Einsames, Populäres. Viele Themen. TV-Filme. Und nebenbei gibt's Mittag.

14.1. 1999, Donnerstag, 7:55 Uhr.
Die Nacht war ständige Bewegung, minutiöses Schlafen und Aufwachen, Umwälzen und Husten. Probleme durchlatschten die Gänge meines Hirns, hatten Schritte des Kerkermeisters; durchmaßen das tiefe Verließ um etwaige Fluchtmöglichkeiten schon vordem abzuschneiden. Die markierten Gedanken konnten nicht entfliehen. Doch ein Ausgang schaffte in Kürze den Zutritt auf die Speicher des Computer.
Im Grunde froh über die Uhrzeit, fast Acht, schmiss ich den Bettbezug zur Seite und stellte meine Beine in die Pantoffel. Aufgepfropftes Übel: Tabletten einnehmen, mein Rettungsanker vor neuen Scharmützel. Scharfe Unbill aufgrund von falscher Ernährung, körperlicher Anlage, eventuell zu wenig Bewegung? Vermutungen. Hunderte andere Gründe sind denkbar. Vor allem zu viel Stress in den Arbeitsjahren. Nun Vorsichtsmaßnahmen: Ein Infarkt (1993) genügt.
Im Bett vorgenommen den Fantasy-Roman "Die Brüderschaft vom Talisman", des Amerikaners CLIFFORD D SIMAK. USA 1978 erschienen. Bis 1979 waren schon acht Romane und Erzählungsbände von CDC bei GOLDMANN editiert worden. Ein exzellenter Schreiber, er betont durch spannenden Stil und völlig überraschende Pointen.

31.1. 1999, Sonntag, 21:30 Uhr.
Anschauen der Zukunftsserien im TV macht mich fast zum Telepathen, ich kann Gudruns Gedanken schemenhaft erraten, aber nicht die wirklichen Prägungen in den Ganglien lesen. Sonst wäre ich wohl ein Monster? Aber ich errate teilweise vorausbestimmend ihre Handlungen.
Meine Gedanken rasen durch die Rechenkammern von Inhalten A bis Z. Einige Momente Erinnerung. Vor wenigen Wochen noch stand ich früh um vier Uhr auf. Zu früh. Zum WEINEN früh. Man sollte aber doch nie die "Flinte ins Korn werfen", wie man so sagt. Hoffnung ist der oberste Beginn der Vollstreckung für eine Besserung. Und sie wird gewährt in Gnade. >Nicht immer, aber immer öfter...<, - wie das Fernsehen lakonisch für manchen Biergenuss spricht - hier von mir in Abwandlung benutzt.
Das "Prinzip der Kraft Hoffnung" von dem die Autorin CHRISTA WOLF im neuesten Buch schreibt, hat auch mich schon längst ereilt. Ohne ihm komme ich nicht aus, obwohl einige Autoren in ihren Büchern von dessen Schilderung als nutzbringende Zutat abkommen, sie eher Stress, Folter und Tod in den Büchern bringen, die menschlich vorteilhafte Wirkung des Prinzips negieren, aber Commerce erreichen. Es scheint, das "Prinzip der Kraft Hoffnung" gehört zu uns, als letzte Generation mit ihm, es stirbt mit uns, lebt sich mit uns aus... obwohl Hoffnung eigentlich ein ewiges Prinzip bleiben sollte...

1.2. 1999, Montag, 11:00 Uhr.
Computern. Meine persönliche Stunde am "flexiblen Themenpriester". Mittlerweile bin ich überzeugt, ein solcher Computer, ein solcher RECHENKNILCH, hält das Hirn fit und auch jung. Nun schon seit März 1993.

07.2. 1999, Sonntag, 4:30 Uhr.
Ein höchst verständlicher, trotzdem momentan bestialisch-wirkender Druck zum großen Austreten treibt mich auf die porzellane "Wiese", na eben ins gekachelte Bad, zu eben solcher blitzschnellen Entleerung meiner toll flüssigen, also überflüssigen und zusätzlich inneren Flüssigkeiten und Füllstoffe. Und Sodbrennen vollendete gar das schlimme Dilemma zu einem ungewolltem Triathlon, ich fühlte mich bisweilen scheußlicher als ein Maulwurf, gefüllt mit Salzsäure...

9.2. 1999, Dienstag, 21:30 Uhr.
Jetzt einen JAGUAR besitzen und die Autobahn entlang rasen um blöde Empfindungen aus dem Körper wie Schweiß auszutreiben. Falsche Emotionen einfach abzuwischen. Oder im Solarium verdampfen lassen. Abreaktion und Deinstallation böser Vorstellungen. Entspannen. Relaxen.
LARRY NIVEN "Der schwebende Wald", ein modernes Märchen vom Leben in der Nähe eines Neutronensterns und seiner gewaltigen Gashülle, in deren Atmosphäre riesige "Bäume", mit Hunderten Kilometern Ausdehnung wachsen und darauf Eingeborene, oder besser Überlebende einer Expedition hausen.

10.2. 1999, Mittwoch, 5:52 Uhr.
Morgenwäsche. 15 Minuten sind vergangen, schon taktiliere ich in das Tagebuch meine Schmährufe gegen Gott und die Welt. Die Ordnung der Welt ist grausig desolat. Zu früh aufgeweckt.
Kaffee nebenbei zum Computern, das Gesöff zur Aufmunterung und Stabilisierung. Das schwarze Adrenalin. Das dunkle Getränk des Aufbäumens. Das innere Gewitter. Assoziationen, die einiges verdeutlichen, doch letztendlich nur halb demonstrieren, nur anreißen.
Kaffee - eine heimliche, doch auch wiederum bekannte "Droge", deren Zubereitung viele Rezepte kennt. Die Nichtkaffeetrinker bevorzugen dem gegenüber schwarzen Tee, oder auch Alkohol. Warum? Nebenbei: Dies alles weitet die Gefäße mit dem Erfolg der unverdrossen erhaltenen Beweglichkeit bis ins hohe Alter, wenn uns nicht ein Ziegel vom Dach auf den Kopf fällt, oder Alkohol das Gehirn zerfrisst, oder die Kosten für Tee zu hoch werden?
Trotzdem - Kaffee ist momentan kein Hauptakt für mich. Mein ständig frühes Aufstehen verpönt ihn mir. Er wirkt scheinbar bis in die Frühe und holt mich dort ein? Jedoch bin ich auch kein Nichttrinker geworden. Nur trinke ich keine Unmengen mehr. Der Geschmack scheint doch etwas abgelutscht?
Kaffee pulvert zwar ergötzlich die Sinne hoch, ein Plus für die Anregung von Prozessen, aber warum während der Trägheit nichts anderes tun, anderes das aufpulvert, oder besser gesagt, ich will gerade deshalb anderes dabei tun. Warum nicht Sex? Warum nicht Fitnesstraining? Ein Krimi-Buch? Noch gibt es Möglichkeiten.
Also, ich bin unfrei wie der Sauerstoff der Luft, gebunden an andere, an Gewohnheiten, an Stimmungen. Krempel ich doch mein Leben um? Prüfe ich die Prioritäten.

11.2. 1999, Donnerstag, 21:15 Uhr.
Sprung ins Bett, zum Lesen des Buches von CEES NOOTEBOOM: "Ein Lied vom Schein und Sein". Es unterhält mich ebenfalls auf beste Art.
CN schreibt philosophisch. >Siegen bedeutet nichts, mein Junge, Siegen hinterlässt keine Spuren, ist nur Befriedigung. Verlieren ist Leben.<... >Siegen ist Tod.<
Mein Resümee: Wir verlieren alle mit den Jahren unsere angeborenen guten Substanzen zurück an das Leben: Die Jugend, die Frische, die Gesundheit. Darüber Siegen - das kann man nicht. Barrieren, Grenzen, sie bestehen seit Jahrtausenden, schon immer. Obwohl es sehr schön damit wäre die Langlebigkeitspille im Schrank zu horten... dann wäre "Siegen nicht mehr der Tod", zumindest rein formal.
Aber CN meint wohl die Abwechslung, die Ereignisse, das Schweben, das Bangen, Schmerz und Freude, ... ?

13.2. 1999, Samstag, 7:01 Uhr.
Gestern Überdruss, Mattigkeit bezüglich SF... Doch... Tausende wohlgerüstete, buntuniformierte, mitunter zerfledderte Soldaten des Metiers Science-fiction stylten wieder meinen Mut ungeheuerlich protzig auf, und pfiffen ganz selbstverständlich zum forschen Angriff gegen stinkige Langeweile und Gleichgültigkeit; sie verbuchten sehenswerte Erfolge, denn einige Male surfte ich folgend schon wieder im Internet nach SF-Themen. Und ich fand eine interessante Online-Geschichte.
Diese aufgepeppte, wild gestylte Geschichte mit formell-digitalen langen Namen, von dem Autor ASHOK BANKERS geschrieben, wühlt mich wieder auf. Beim ersten Erwachen.
Veröffentlicht im Internet. Auch ein Text über INTERNET und CYBERSPACE, und ich finde darin zuviel künstlichen SEX, zu viel abstoßenden SEX, zu viel Geschehen um metallene genarbte Vibratoren und Lustfinger, und dabei macht die Hauptfigur, eine junge Frau, dies nur, um in dieser verrotteten Gesellschaft ihren schmalen Lebensunterhalt zu verdienen, nicht wegen dem Faktor LUST, sondern da eben auch nur recht pflichtgemäß. Der letztendliche Ausstieg dieser Hauptfigur aus dem Milieu ist zugleich das Fazit. Es ist die Frau die durch den Ausstieg aus dem Milieu alles verliert, den Mann, die Kinder, den Wohlstand... lieber dies als Unmoral... so die Parabel.
Der Autor beschreibt eine gewollt perfide Maschinerie, so drastisch emotional, um wahrscheinlich vor allem junge Leser zu fesseln, und zudem eine Warnung an sie auszusprechen. Dies ist Zukunft, Warnung vor ihr, dies ist noch nicht Realität. Dies ist noch Literatur. Gesellschaftskritik. Raffiniert geschrieben, zugleich mit dem Zweck unterhaltsam zu sein. Wie sonst Warnungen an den Mann bringen? Auch das ist Aufgabe der Literatur.

22.2. 1999, Montag, 6:20 Uhr.
Abruptes Aufwachen, die Zunge klebt am Gaumen, wie Haftband an den Händen, ein Ekel vom Gemisch "Tod oder Leben" durch schlechten Geschmack; der Leser merkt, ich übertreibe und verbiege den gewöhnlich glücklichen Maßstab zu einen krummen Lineal, doch Übertreibung verdeutlicht meine heutigen Zustände. Mir ist flau. Ein pelziger Geschmack nach Nüssen oder Bier, dabei habe ich gestern überhaupt kein Bier getrunken. Einem Stadteichhörnchen gleich purzle ich in den neuen Tag, überrannt von der plötzlich aufgetauchten Helligkeit der Sonne und der neuen Aufforderung: Suche nach Nahrung! Ich will in die Gegenwart, dabei ist das Abstreifen der Nachtschlieren gar nicht so leicht. Doch mein Wille hat auch Potenz.
Hatte ich doch voller Tatendrang die letzte Woche 3 Bücher parallel gelesen. Manchmal geht's gut, doch diesmal stülpten sich die Handlungen gegenseitig aufeinander. Buch A bekam Motive von Buch C und B, Buch B Technik von Buch A, usw. Ein Chaos. Ein Dämon muss dazwischen gehauen haben?
22.2. 1999, Montag, 21:20 Uhr.
Annehmlich habe ich den Tag noch verbracht. Nach der gründlichen Wäsche, hinein ins Bett. Ich lese den Amerikaner PHILIP K DICK: "Der heimliche Rebell", USA 1956. Eine ganz andere Schreibart, ein ganz anderes Thema. Heimliches Rufen nach SOZIAL FANTASY. Von der Art, wie sie heute modern geschrieben werden mit einem ähnlichen Label in einem bestimmten Verlag.

23.2. 1999, Dienstag, 6:30 Uhr.
Bereits beim Tee sitzend am Stubentisch, PHILIP K DICK geht mir durch den Kopf, nicht wie ein Substanzloser, nicht figürlich, nicht physisch - nicht wortwörtlich genommen. Wie er das macht sei daher nicht streng betrachtet, zumindest ist dies Tun nicht an seinen Körper gebunden, denn er ist tot, und er ist ein bekannter HUGO-Preisträger, und wird als der brillanteste Science-fiction-Autor der Welt bezeichnet. So frei nach JOHN BRUNNER in den 80er Jahren.
Ich lese "Der heimliche Rebell". PKD'S Ideen und Vorstellungen, seine Bücher gehen mir durch den Kopf. Nicht der gewöhnliche Stil der SPACE OPERA oder des ABENTEUER'S prägt seine Texte, sondern SOZIAL FANTASY. Diese aktuelle Wortverbindung trifft eher ins Schwarze. Gesellschaftskritik und normale Leute. Besonderheiten der Gesellschaft und Standard. Und was sich daraus ergeben kann? DICK zu lesen ist immer interessant, aufbauend, auch emotional, man muss ihn "durchkauen" um auch die weitgefassten Zusammenhänge zu verstehen.
PKD'S Texte sind wohl nicht für ein allzu breites jubilierend-klatschendes Publikum? Sie sind stark einschneidend ins Standarddenken, bedienen gewisse Nischen, von professionellen Kritikern allgemein hochgelobt. Und auch von manchem Leser. Doch die Kritik der Profis jubiliert meist über etwas, dass der "normale" Leser nicht haben will? Aber wie bei jedem DING, ER, SIE, ES - man muss einen Faible dafür haben um Vorrang einzuräumen.

6.3. 1999, Samstag, 22:10 Uhr.
Hinein in die 13oo Exemplare umfassende Bibliothek. Ich weiß, ich schneide auf wie CÄSAR, oder CICERO, und meine das Schlafzimmer, in dem gerade so knapp 100 Bücher irgendwo versteckt sind zwischen Klamotten. Der große Rest verteilt in Regalen auf dem Flur.
Lesen: "Das Jägerspiel" von ROBERT SHECKLEY, USA. Einer der besten Autoren, einer aus dem persönlich-obersten Drittel des Bestandes. "Das Jägerspiel", eine beißende Satire über die Gefühllosigkeit unserer Zeit, so schreibt man im Klappentext. ROBERT SHECKLEY ist vorrangig durch seine bravourösen Storys bekannt geworden.

8.3. 1999, Montag, 10:00 Uhr.
Schnell schreite ich über die dicht befahrene HERTA-LINDNER-STRASSE, an dem sandfarbenen Bau der TELEKOM vorbei, die Mütze wehrt den säuselnden Regen ab, entlang der mit übler Graffiti beschmierten Baracke für Bauverwaltung am Straßenbahntrakt, diese "Hütte" ist jetzt mit Metallzäunen begrenzt, wird wohl bald abgerissen, so munkelt man, und ich gehe hinüber in die THEATERSTRASSE. Sparkasse. Geld am Automaten. LÄNGLICH, ein Spitzname für einen Zweimetermann, holt sich ebenfalls Geld. Ich kenne ihn schon 10 Jahre. Immer wieder das gleiche: Er erzählt mir sofort von seinem neuesten Computerspiel... einem Ballerspiel im Weltraum...

12.3. 1999, Freitag, 8:00 Uhr.
Die idealen Schriftsteller für sich selbst zu finden ist eine mühselige und manchmal auch zufällige Sache. Meist werden nicht alle Kategorien der Wünsche zugleich bedient. Ob Action oder Philosophie, ob Handlung oder Technik, Menschen, Helden, Aliens, oder anderes? Irgendwelche Register sind stets vernachlässigt oder andere, die man nicht anstrebt, sind eingefügt wie Kletten, die sich an alles heften und beißen. Die Liste meiner besten Bücher steht auf der Festplatte. Von 6oo über viele Jahre Gelesenen, sind es gute vierzig, die ich vorgemerkt habe. Ein bescheidenes Quantum. Zuviel Subjektivität? Wahrscheinlich.

15.3. 1999, Montag, 6:18 Uhr.
Arroganz des Tages tötet die schon schlimm verletzte Nacht, es ist hell, Zeit für mich den Tag an seiner Geburt zu erleben, ich stehe auf, will ihn auch schon ausprobieren, schafft er genügend Freude um mich topfit zu halten?
Die Welt redet von der Wirkung des KETTERING'schen Gesetzes: >Logik ist eine organisierte Methode, voller Zuversicht das Falsche zu tun<. Ein ähnlicher Slogan wie MURPHY'S Gesetz: >Alles was schief gehen kann, geht auch schief<. Ein Gesetz der Negation. Ein statistisches Gesetz des Volkes, zugleich ein Gesetz der Großen Zahlen der Wahrscheinlichkeitstheorie.
Der Küchentisch ist belegt mit meinen bekritzelten Papieren, ich schreibe die Morgengedanken für eine Erinnerung in späteren Monaten und Jahren. Vielleicht schaue ich eines Tages wieder hinein? Einen Computer werde ich immer besitzen.
KETTERING'S Gesetz ist ziemlich auf alles anwendbar, ob materiell oder ideell, anwendbar auf das Leben an sich. Auf das Leben überhaupt. Es wurde empirisch gewonnen von einem regen Zeitgeist. Auch ein anderer Gutteil der Menschheit ist darauf gekommen, heimlich, still, dies nicht extern formulierend, im Scherz und auch im Wahnsinn, und akzeptiert das Gesetz doch wie eine bleierne Realität. Insgeheim. Zugleich eine willkommene Ausrede - geht's schief!
Literatur zu lesen ist ein Vergnügen der >dritten Art<, etwas ganz Besonderes, ein Bonbon, ein Labsal. Dazu noch ROBERT A HEINLEIN: Ein Genuss. Auch er hat enorme Schwankungen in der Güte seiner Romankinder, zumal als Militarist oft verschrien, dazu noch von meist wenig darin Belesenen, so durch die "STARCHIP TROOPERS" von 1959, das fand man schon längst heraus. Der Roman "Die Zahl des Tiers" ist ebenfalls eine solche Schwankung des Experimentierens mit Fakten, ist eine Bergfahrt; man weiß vorher nicht, wie gut man zurückkommt? Kapitel in der Ichform jeweils anderer Hauptfiguren, bringen Wirrnis und fordern doch Beharrlichkeit im merken der Geschehnisse. Dies erinnert ein klein wenig an BRUNNER'S Methode der Gesellschaftskritik in "Morgenwelt". Das Buch "Die Zahl des Tiers" sucht Universen auf, die andere Autoren in ihren Büchern einst beschrieben haben. LEM hat Ähnliches geschaffen, noch andere ebenfalls. Doch EINS steht fest, mit HEINLEIN werden die Anomalien von KETTERING oder MURPHY zu Grotesken.

16.3. 1999, Dienstag, 6:15 Uhr.
Morgens, allein mit mir, kommen die seltensten und schrulligsten Gedanken, deren vorteilhafte Ausbeutung mir zusätzliche Freuden einbringen. Worte ausbeuten heißt sie nutzen, heißt, sie mit dem Schreibstift oder Computer in Permutationen zu setzen, für einen bestimmten Sinn, dessen gewöhnlichste Variante sind Memories. Kleine Lexika der eigenen Gedankenwelt. Ereignisse, Gelesenes, Vorstellungen, sie alle konfigurieren mein Universum. Ohne diese Konstruktionen und besonders ohne Konstruieren wäre ich wohl nur eine Hülle, ein Blasebalg der künstlich atmet. Ein Blasebalg voller Luft - nicht mehr.
Die Möglichkeiten dazu feiern innere Orgien in meinen Hirnkammern und beseitigen den Schimmelpilz auf jedem Ganglion, ganz ohne Gewalt, und ganz ohne Nanotechnik. Und ich habe die Zuversicht, nicht ganz entsprechend KETTERING - , >... mit den Möglichkeiten kommt die Kreativität<, vielleicht etwas anzustimmen, eben nur andere Worte, Optimismus...


MSTe 1999

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Zuletzt bearbeitet: 2.3.2001