PIT VIRUS

 ... am Ort der Besiegten...
eine Geschichte die durchaus Hintergrund besitzt...

Kontakt mit einem optimistischen SF-Fan

Langsam schlenderte ich über den Postplatz; junge Mädchen lachten im vorübergehen unter bunten Schirmen, sie kokettierten und erweckten Mut. Die Hände in den Hosentaschen, leise pfeifend, auch froh, stapfte ich dahin wie ein Storch. Regen tropfte hernieder, der mich nicht störte. Wasser lief in die Schuhe, ich merkte es nicht, nur das Lachen auf meinem Gesicht wurde mir gewahr. Pfeifen installierte mir Beherztheit, ich ging weiter, blickte den Mädchen nicht hinterher.
Mein Ziel: Hinabtauchen in die Welt der Besiegten. Abenteuer, Mitleid - mich trieb ein ganzes Spektrum von Gefühlen.
Scheinbar unbegrenzte Freiheit pur, Worte und Sichgehenlassen, die Nische frecher Art, eine außergewöhnliche Szene-Kneipe vor Augen - Gedanken, diametral betreffs Job und Familie. Schwimmen auf der Oberfläche. Herausragend unter vielen Nuancen die Anonymität. Ein Tarnmantel. Hinein in die andere Welt.

Mein Kopf, spontan geleert von Programmiertätigkeit, von Sprachen und Assemblern, summte noch wie ein aufgespießtes Insekt. Ein Job ist heutzutage schweres Tun, ist Behauptung in einem Konstrukt von Gegensätzen, gleich dem Spagat oder schlimmer, ähnlich dem Bungee-Springen. Reißt das Seil, ist alles vorbei. Und man will erfolgreich sein!
Die Last vom Monatstrott schien plötzlich weggewischt, füllte das Hirn nicht mehr wie klebriger Leim. Wenig war vom beruflichen Auftrag geglückt, und doch sind Erfolgserlebnisse die Essenz für ein ausgewogenes glückliches Ego. Bei diesem Gedankenblitz kam ich ordentlich ins schwitzen.
Weg heute mit den schönen Kulissen. Hinein in das andere Extrema. Kontrast. Die Kaltwasserdusche. Motivierung durch Schock, es nie soweit kommen lassen...

Ein rotbraunes Cap auf dem Kopf, das auch etwas mit dem Ferrarifieber zu tun hatte, welches diesen Sommer durch Deutschland getobt war, strebte ich dem Eingang der Kneipe zu. Meine Kopfbedeckung war gewisser Protest zur übrigen Kleidung; hätte ich ein Käpt'n-Kirk-Cap besessen, zierte dieses jetzt den Schädel. Gierig tauchte ich in die Szene. Ich - nur geborgt in diesem Umfeld.
Zwei, drei Biere oder mehr. Männerwelt. Kneipenmief. Zigarettenrauch. Betrunkene. Mittellose. Aussteigerdasein. Rein temporär oder immer. Für eine Scheinwelt, die allzu schnell Realität werden kann, soviel war mir klar. Das unabänderliche Risiko.
Ich wollte daher heute nicht der gewöhnliche Bürger sein, der nach bester Leistung strebt, der genug Geld in den Taschen hat. Und Normalität erinnert zu stark daran.
Ein Tausend-Moment. Was sollte mir jetzt die Welt anhaben? Ich ließ mich voranstoßen. Ein rarer Genuß sowieso - dieses Baumeln der Sinne.

Menschen quirlten umher, bewegten sich oder tranken Kaffee oder Bier, aßen Bratwürste an billigen Imbissständen. Farbiges Gerangel. Herbstfest. Lautsprecher plärrten Hits von ELVIS, gegenüber flippten Sequenzen aktueller Pop-Musik. Straßenbahnen defilierten geräuschlos vorbei. Immense Geschäftigkeit. Manager flüchteten in teure Hotels, Arbeitslose tranken auf der Strasse. Mosaik des Lebens. Lautes Lachen. Rufen. Ein Tag wie jeder andere, und ich fühlte gewissermaßen schon wie mir besser wurde. Vorsätze wurden bestärkt. Diese Metamorphose des Seins wechselte in Zufriedenheit. Aber nie wollte ich immer hier sein.

Da geriet ich an das Besondere...
... urplötzlich tauchte ein eigentümliches Wesen auf, um die Ecke kommend, tänzelnd, mit einer riesigen Gelassenheit an Ausdruckskraft, mit einem Schemen der Persönlichkeit eines Bankmanagers oder Politikers - und er war doch nur mittelgroß, aber obszön, eben ein Nichtgekleideter, ein Nackter. Einer der hiesigen Szene. Meine Sinne stuften ihn deshalb behend als Original ein. Besonders aufgrund seiner aufdringlichen Nacktheit. Wer ging schon so weit? Man sah ja genug Wunderlichkeiten im Fernsehen, aber hier auf dem Postplatz - seltsam.

Er wart präsent, ja metergenau vor den Eingang scheinbar materialisiert. Ja, was soll ich sagen, Beamen ist ein ganz gebräuchlicher Terminus. Selbst Tageszeitungen benutzen ihn heutzutage. Journale sowieso. Und Science-fiction-Romane erst recht.

Aber wie war so etwas möglich? Woher kam der Nackte? Hier, auf dem Postplatz ein Nackter, mitten in der City? Schmunzelnd trat ich Schritte vor.
Er schien keinesfalls betrunken, war eventuell nicht zurechnungsfähig, überfallen oder ausgetrickst worden? So bewegten sich meine Gedanken, wie sich ringelnde Schlangen, jede Ecke und Krümmung von Ideen nehmend und sie spien Gift für meine Überzeugung von der Unvollkommenheit der Welt.

Seltsam eckig lief er, als könne er die bestehende Schwerkraft nicht ausgleichen. Sehr unnatürlich. Zwei Schritt vor, einer links, zwei Schritt vor, einer rechts. Hellfried fing laut an zu lachen, dass es ihm fast das Herz aus dem Leibe schlug. Er klopfte sich derb auf den dicken Bauch, stieß krächzende Laute aus, die langen Haare flatterten in seinen Bewegungen wie bei einem mittelalterlichen Troll und er meckerte einige schale abweisende Worte. Den strengen Slang der Obdachlosen.
"Ein Idiot", - sagte Hellfried schließlich: "Ein beschissener Idiot", - und griente Zustimmung holend zu mir. "Da haben wir heute eine Kinovorstellung ohne einen Kreuzer ausgeben zu müssen."
"... nun, wir sind manchmal Voyeure, stehen aber genauso im Blickfeld anderer", - sagte ich derb und wollte eigentlich damit Rücksicht für diesen Mann erzwingen: "Er ist nur ein armer Hund, an die dreißig Jahre. Kaum erst in die Zivilisation geworfen."
Hellfried bevorzugte Spaß. Er selbst hatte keinen, er war obdachlos. Hellfried kannte die Szene der Außenseiter wie seinen Plastikbeutel mit den Zigaretten, dem Handtuch, und den Büchsenbieren. Weiter hat er nichts.
"Der hat voll getankt, der geht unter wie die TITANIC", - sagte Hellfried unterwürfig in das grelle Gejohle der Umstehenden hinein. Eine Tomate flog. Volltreffer. "Platttsch" - auf die Brust des vermeintlichen Idioten und zersprang in Schalen und Saft. Rötliche eklig anzusehende Schlieren rannen an ihm herunter. Wie Blut. Die Leute grölten daraufhin noch abscheulicher und geradezu lustvoll.

Das Ungewöhnliche seines Ganges und das völlige Nacktsein fielen auch fast jedem auf der Augen hatte. Die Leute schauten, schüttelten die Köpfe, feixten. Wir waren nicht besser als sie.
"Endlich ist wieder Action", - brummte Hellfried und zündete sich eine Zigarette einer selbst gedrehten Marke an: "Ein herrliches Ereignis." Nebenbei reichte ich ihm ein Fünfmarkstück für Bier. Aus dem Kneipengang wurde nun wohl nichts mehr?

Umstehende witzelten. Und manche schrien auch schon böse Worte: "Ein Entblößer!" "Köpft den Exhibitionisten!", - palaverten sie extrem übermütig und lachten aus vollem Halse. Wenige bremsten gnadenreich den Tumult. Clownerie lag über der Situation. Aufstrebende Gefühle waren gemischt wie Wasser mit Wein. Ernsthafte Klärung um den Nackten wollte niemand. Mir gefiel die Sache nicht.
Nach einer Weile des neugierigen Zuschauens liefen manche Leute weiter, gesättigt von diesem Eindruck betreffs einem Exemplar einer malträtierten Gesellschaft. Das Spektakel brodelte schon geraume Zeit. Es passierte eigentlich nichts, außer dem Abwarten auf Reaktionen des Nackten. Normale Zeit des Staunens.
Verteufelt-aufregende Provokationen vermuteten Neugierige und blieben. Ich wartete ebenfalls. Irgendein Umstand hielt mich unbewusst am Ort.

Der Fremde trug diese seltsame Ausstattung um die Augen, eine komisch gezackte Sehhilfe. Wie vom Theater. Das konnte daher keiner der Postplatz-Szene sein?, - überlegte ich grübelnd. Nackt und so bebrillt. Keiner würde sich absichtlich so schmücken. Der war nie ein Exhibitionist. So pulsierte mein Denken. Ein Außenseiter? Ein Aussteiger? Ein Ausländer? Er gehörte einfach nicht hierher.
Nur das Gesetz ist strikt gegen Nackte. Er durfte sich nicht von den Amtshütern erwischen lassen. Die Unverschämtheiten der Leute kühlten mein Gemüt. Sie hatten nun jeden Anstand verloren, boten keinerlei Hilfe mehr. Er wurde zum Objekt der primitiven Ausgelassenheit.

Wacker stand der Fremde am Ort, rannte nicht weg, nicht aus Angst, nicht aus Scham. Auch er wartete. Worauf? Obwohl viele Bürger auf ihn einredeten, ihn beschimpften, falsche Ratschläge gaben, auch Mitleid zeigten. Sie wollten ihn im Grunde manipulieren, in unlautere Geschehnisse hineinziehen. Sein Befinden glich einer Trance. Nun betrachtete ich ihn genau und deutliche Merkmale drangen in meinen Verstand. Eine goldene Hautfarbe, wie Bronze. Dunkle ziselierte Linien strömten über seinen Körper wie schwarze Blitze. Eine Figur wie Adonis. Sauber und gepflegt. Irgendwie göttlich. Eine seltene Rasse?

Nein, das ist ein... besonderer Fall. Das ist kein Außenseiter. Das Schicksal hatte ihn so gestaltet. Herausgerissen. In die Gosse geworfen? Doch wo lebte er bisher? Meine Gedanken durchbrachen Barrieren und langsam erwachte mein Verstand mit seinen robusten Nuancen der Science-fiction. Filme und Bücher über den Weltraum und seine möglichen Bewohner, geisterten dominant durch meine Hirnwindungen. Ein Außerirdischer. Die Mär vom Erstkontakt. Dieser Nackte ist ein Alien - ein Vergleich gab mir innerlich zunehmend Recht.
Als Leser von Science-fiction-Romanen, der auf Schritt und Tritt oft fremde Raumschiffe erblickt statt bodenständige Autos, hatte ich es nicht schwer mit solchen Gedanken und Schlußfolgerungen umzugehen - Kontaktversuch einer grundsätzlich anderen Zivilisation. Der Begriff "Kontakt" setzte sich mir wie eine giftige Zecke ins Hirn, die wuchs und wuchs... Abnormität des Überbringers als Nummernschild für seine Welt. Die Idee süßte wie Honig. Ein Mensch aus dem Weltall. Heute und hier. So komisch es klingen mochte, ich war im Begriff einen Alien zu kontaktieren...

Seine Augen sensibilisierten Empfindlichkeit. Deshalb die komische Brille. Die Farben, die Form... die Sehhilfe so gezackt. Eine Mode? Oder verbarg sich dahinter eine Funktion? Schon mehrere Faktoren unterstützten meine Annahme vom Anderen. Die göttlich bronzene Hautfarbe, die Statur, die Ohren, die Nase, übervolle Schminke eines Vamp. Von der Identität war ich mir nicht hundertprozentig sicher. Ein "Es" , "Sie" oder "Er", meine Augen kreiselten "ihn" ein wie schlagende Propeller. Ein Wesen von einem anderen Stern. Ein gesunder kurzer grauer, nein ein silberner Haarschnitt zierte den Kopf. Ich normte "ihn". Und ausschlaggebend war schließlich - untenherum saß ganz maskulines Fleisch.

Während ich so still brütete, fiel Hellfried mit einem mordsmäßigen Plumps von der Sitzstange und sein Bier lief aus der Büchse. Die Mark war für die Katz. Mir wurde wieder klar, die Postplatz-Szene ist deftig und hart.

Ohne Technik zur Erde gelangt, - überlegte ich weiter. Still bezeichnete ich ihn fortan mit dem Synonym "Marsianer". Bei HEINLEIN liest man, sie besitzen immense Naturkräfte.
Überzeugungen vibrierten in mir. Aufgeregt wie ich war, fiel mir ein Apfel JONAGOLD in eine Pfütze. Voller aktiver Begeisterung für diesen "Marsianer" ließ ich den Apfel im Brackwasser. Ich hatte keine Zeit dafür. Banale Nebensache. Ich sprach innerlich schon von "meinem" Außerirdischen, meinem Phantom.
Sein Bild aufsaugend hatte ich das Glück meines Lebens. Seine Erscheinung war ein Magnet für die Massen, wenn auch bislang mit negativen Ausgang. Mehr noch, für mich war er eine Singularität, etwas ganz Gewaltiges.

HEINLEIN schreibt, Marsianer können "Fluxen". Ja, sie haben ihren angeborenen Naturkräften zu danken, daß sie fliegen können. Wie im Märchen. Sie fliegen durchs Vakuum, wie die Fledermäuse in dunklen riesigen Höhlen.
Mir wurde richtig unheimlich, vieles aber auch klarer. Zusammenhänge bahnten sich in meinem Verstand an. Millionen weißer Synapsen meines Gehirns schufteten wie Schwerstarbeiter. Ich war mir nun sicher.
Verirrt auf diese Erde gekommen oder ganz absichtlich? Und ich glotzte ihn weiterhin an wie ein bunt schillerndes Tier aus dem Dresdner Zoo, oder besser: Wie einen kleinen Dinosaurier, der Schutz braucht.

Dabei hatte ich heute nicht mal einen Fotoapparat mit. Verdammt! Wer würde mir das Zuhause glauben? Was sollte nun werden?

Gustavs Künstlermähne flatterte wie Ried auf den Dünen und aus den zu kurzen Hosenbeinen schauten horrormäßige Tätowierungen auf dicken Beinen wie entblößte Teufel heraus. Gustav hielt sich mit Worten zurück, er überlegte vorm reden. Gustav war belesen, aber sehr "schräg". Ein ehemaliger Mathematiker. Private Lebensumstände hatten ihm dasselbe versaut.
Gustav brummte mitleidsvoll von "... einem armen Kerl, der so nackt herumlaufen muss... ", dabei sich rasant nach meinem Apfel bückend, platzte ihm die Gesäßnaht der Hose mit einem "Rrraaaatsch" und Gustav wurde rot im Gesicht wie Paprika. Und er schloß seinen Satz schnell und ärgerlich mit: "... er ist auch nur ein Außenseiter, vielleicht noch ein Indianer?"

Sie haben ihre Lebenserfahrungen nur noch auf wenige Dinge markiert, diese Brüder der Strasse. Oder haben einfach keine mehr. Wollen keine mehr haben. Verloren im Staub des Lebens, verloren mit den Familien. Was interessiert sie auch ein Außerirdischer? Können sie noch objektiv sein? Kargheit macht dumpf.

Er war extrem farbig und obszön nackt, so dass Mädchen herüberblickten um eine bestimmte Sache an ihm zu erspähen. Ihre verwerfliche Neugier brachte meine Fassung schnell zurück. Man mußte etwas tun. Die Leute wurden unruhig. Ich bedeutete dem "Marsianer" mein Cap vor die Lenden zu halten. Verächtlich schmiß er es aber zu Boden. Gestikulierend trat ich auf ihn zu, ihn überzeugen?
Meine Sätze - nur Schall. Er blickte in die entgegengesetzte Richtung, sein Gesicht malte abwechselnd Staunen, Ärger und Gleichgültigkeit. Unsere Sprache war ihm sichtlich fremd, wie dem Chinesen die Kartoffel. Den berühmten Sprachtranslater besaß er auch nicht für solche Zwischenfälle. Zu laut hatte ich gesprochen, denn er hielt erschreckt die Ohren am Hals zu, welche mit Bändern verziert waren. Er hielt sie zu, als wolle Hellfried Bier hinein schütten.
Jede unnatürliche Handlungsweise hakte ich in einer fiktiven Liste ab. Bestätigten sie doch meine Annahme von der Existenz der Aliens überhaupt.

Züngelte seine grün-gelbe Nase auch nur wenig, frohlockend speicherten meine Ganglion genüßlich diesen Sachverhalt. Sein Nasenorgan besaß 4, statt wie unsere 2 Löcher. Mein Hirn feierte Orgien an Überlegungen.
Und plötzlich sprach er: "Trschi kschat tschum". Nicht viel und total unverständlich. Jedenfalls - er hatte gesprochen. Seine Worte waren Kauderwelsch für uns. Mein Verstand badete vor Freude. Wieder ein Anhaltspunkt. Ich mußte nun den Ball des Spieles auffangen, Initiative vermitteln.

Gustav entblößte eine Reihe bester brauner Zähne, ein Zigarettenstummel dazwischen, und feixte: "Einen Marsianer kann man ja auch sprachlich nicht verstehen. Andere Planeten, andere Laute". Und hinzufügend sagte Gustav geringschätzig: "Aber der hier, der hat nur was an der Birne. Das ist kein Marsianer. Der macht sich damit nur wichtig." Verbissen schüttelte ich den Kopf. Mein "Marsianer" ein Schwindler? Die Symptome nur Schein? Nein! Ich wollte mir den Ernstfall nicht wegnehmen lassen. Mein Faible für den Außerirdischen blieb eisern.
Die Organe meines Körpers durchlebten eine grundsätzliche Erneuerung. Ich atmete tiefer. Mein Hirn schrie nach Fortsetzung. Hier auf dem Postplatz entstanden völlig neue Möglichkeiten, sozusagen Science-fiction Live.
Und die Erinnerung an den ersten Augenschein: Mit keinem Muskel hatte er seine Lippen beim sprechen bewegt. Phantastisch. Der typische Fall von Telepathie. Er hatte mittels Gedankenkraft "gesprochen".

Schon waren wir an den Bänken der Haltestelle der Straßenbahn angekommen, neben der maroden "Käseglocke". Hellfried zerdonnerte an der Seitenwand eine leere braune Bierflasche, welche mit einem berstenden Knall zersprang. Dieser Akt hielt die Leute ab näherzukommen. Ich steckte die Hände in die Hosentaschen, mir war das äußerst fatal. Der "Marsianer" setzte sich daraufhin wie ohnmächtig, besser gesagt, er rollte sich zusammen wie ein abwehrbereiter Igel auf eine dieser gelben Plastikbänke. Die dortigen Leute glitten verängstigt beiseite. Sie hatten anscheinend Scheu vor seiner Andersartigkeit. Und sein grüner Hintern schrie weit in den Postplatz hinein wie eine Trompete.

Mittlerweile fand sich neues Publikum. Einige alte Leute sprachen von Schweinerei in der Öffentlichkeit, so nackt auf der Straße zu gehen. Man habe ja schon einiges erlebt, aber so etwas noch nicht. Man rief nach der Polizei.
Einen breiten Chiffonschal auf ihn legend stellte sich eine alte, noch hübsche Frau schützend davor, sie war sicher angetan von seiner körperlichen Schönheit. Er ließ es geschehen. Was wußte er schon, was Nacktheit hier in Deutschland bedeutete?
Rechtsradikale, Fünfzig Meter entfernt, schimpften brüllend über blöde dreckige Autonome, die wieder einmal den Postplatz zur "Sau" machten. Die Regierung sollte endlich einmal durchgreifen.

Gustav verschwand. Hellfried war schon weg. Sie hatten Angst. Kein Wunder.

So stand ich im engeren Kreis allein mit dem Fremden und war fasziniert wie zuvor. Das schaulustige Publikum amüsierte sich. Ein Verrückter - so lautete jetzt der Slogan.
"KARL" taufte ich innerlich den Fremden. Nur so für mich, als Beziehungsnähe. Und ich bedeutete KARL durch Handzeichen aufzustehen. Aus einem Kleidercontainer in der Nähe nahm ich paar Klamotten um KARL auszustaffieren. Dies Depot erfüllte nun auch zum ersten Mal für mich einen Zweck. Ein T-Shirt von einem Riesen und eine kurze Hose mit Löchern. Kleidung ist nun mal Vorschrift. Auch für Aliens. Ich sah davon ab, ihm das zu erklären. Wie auch? Und seine Haut war schon verdächtig grün, er fror wohl doch jämmerlich? Trotz milden Oktoberwetter. Schnell ging ich ans Werk.
Er stand auf und zog unbeholfen wie ein kleines Kind die Sachen an. Seltsamerweise wurde er dabei noch grüner auf seiner Brust. Mein Kopf wuselte alle Ecken des Hirns nach einer Erklärung durch: Das war also seine Reaktion auf den Erhalt der Kleidung. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. KARL freute sich darüber, dass er nun so aussah wie alle, zumindest fast so.

Jedoch es kam kotzübel anders. Die Rechtsradikalen, drei oder vier Jugendliche, mit Glatzen und Springerstiefeln, eckigen germanischen Runen auf den Jeansjacken, näherten sich zunehmend und klopften mit Eisenstangen und Ketten auf Bänke und Absperrungen um so viel Radau wie möglich zu machen. Sie schrien ihre Zoten um freie Gasse zu haben. Das Publikum räumte Platz ein. Genau dieser Vorgang weckte gräßlichen Eindruck bei ihm.
Noch einige Meter kamen sie näher. KARL schien plötzlich wahnsinnige Angst zu entwickeln, so deutlich, als ginge es wahrhaft um sein nacktes Leben, was ich nun im besten Sinne gar nicht verstand: Die Methoden von Rechtsradikalen konnte er doch gar nicht kennen? Aber Gewalt - so beruhigte ich mich.

Berittene Polizei streifte ziemlich nahe am Platz vorbei. KARL guckte ganz seltsam, irgendwie erfreut, die erste lachende Mundbewegung. Ein Moment der bevorstehenden Erlösung? Oder?
Ich nahm an: Pferde hatte er noch nie in seinem Leben gesehen. KARL stand wieder auf, und ich drückte ihn nieder. Wenn er aufsteht, sehen sie, dass er anders ist. Das bringt ein Protokoll. Das bringt Bürokratismus. Und für mich ist er verloren.
Doch KARL stand abermals auf und drängte mich gewaltsam weg, damit ich ihn nicht halten konnte, verdrehte mir schmerzvoll den Arm nach hinten mit groteskem Schnaufen aus vier Nasenlöchern. Einige Meter zurücktretend fühlte er sich sicherer. Nicht im Zickzack-Gang. Nein. Sprachlosigkeit bei mir und mein Mund stand offen wie bei einer Brunnenfigur.
Worte kamen plötzlich lawinenartig aus seinem Mund daher, schockierend und seltsam klar, ein gutes Deutsch. Er sei nur ein Student und besessener Leser von SF-Literatur, der für eine Wette diese Handlung abzog nach dem Motto: Würden städtische Bürger wirklich einen Außerirdischen erkennen?

"Betäubt" ist eine schwache griesgrämige Einschätzung für meinen Status. Ich war sinnbildlich tot. Wenn auch nicht meine Atmung aussetzte so waren seine Worte leimender Kitt für meine Ohren. Ich hörte einfach nichts mehr. Meine Beine versagten. Alles war nicht mehr wahr. Wieder hatte ich ein Summen in den Ohren, von einem aufgespießten Insekt.
Äußerst blöd muss ich wohl geguckt haben, denn schnell fuhren seine Hände weiter an den Hals um das Schauspiel zu beenden und er zog sich mit einem flutschenden Geräusch eine Maske herunter. Sein wahres Gesicht: Ein Mensch. Ja, er hatte die Ohren an der richtigen Stelle, die üblich menschliche Gesichtsfarbe, die Nase war normal, die Brille war verschwunden. Nur eine goldene Hautfarbe bedeckte noch flächenweise Partien seines Halses. Und er rannte schnell hinüber zur berittenen Polizei, wie um sein Leben zu retten...

Betreten schielte ich auf die am Boden liegende Maske. Noch jetzt offenbarte die Nase ein perfekt anderes, eben schöneres Outfit, die gezackte Brille lag zerbrochen im Staub. Ein Passant reichte mir mein Ferrari-Cap. Der Pegel meiner Gedanken lag danieder auf einer Nulllinie. Mein Eifer für die Szene und Außerirdische hatte einen überaus tödlichen Knacks bekommen.


MSTe 1999

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Zuletzt bearbeitet: 2.3.2001