"BLOG - Mathematiker spricht über Literatur-Genre SCIENCE FICTION an Hand von Büchern."

Schwarze Vögel können täuschen ...

DER DÜSTERE TAG. Dunkel die Wolken am Himmel. Das Namensschild an meiner Wohnungstür - Renald Pastera. Versicherungen. Ich wohne allein. Ich schaue soeben aus dem Fenster um etwas frischen Sauerstoff zu schöpfen. In das Karree Hofgarten. Große schwarze Krähen sitzen auf den knorrigen dunklen Ästen der alten Pappeln und Eichelbäume vor der Villa. Sie bewegen die Köpfe aufeinander zu wie Schöffen des Gerichtwesens, welche ihre Ansichten über einen Fall austauschen, jedoch nie Einigkeit bekommen. Die immerwährenden Debatten. Sowas kennt man ja.

In der Art wie Menschen. Sie haben anscheinend menschliches Gehabe, dabei sich freche aufregende Neuigkeiten erzählend. Wie auch Leute, die oft, auch manchmal immerfort fluchen den langen taglang. Gebeutelte im Abseitsleben. Nicht wie Obdachlose, die reden wenig. Auch die Art wie rumpelige Leute, die nervös in Passagen und Galerien shoppen, geradezu aufsässig nach den erstrebten Waren sich durchboxen, und Ellenbogen gebrauchen wie Bagger, denn sie wollen die Billigwaren. Jeden Tag. Marottenhaft Aufsässige. Gestiken belegen es auch. Vortäuscher finanziellen Bankrotts. Doch sie alle, zahlreich in dieser Gegend und in der herbstlichen Jahreszeit, sie täuschen uns sicher damit, vollführen Aktionen die uns leicht schrecken sollen, demonstrieren und imitieren drei oder vier Gewohnheiten der Menschen. Selbständig. Wie das Nüsse knacken, dass drüberfahrende Autos auf Fahrbahnen so nebenbei erledigen, und Krähen die Nussteile dann von der Fahrbahn pickern. Manchmal sind sie erbost, und plustern ihre Federn auf. Sie besitzen miteinander Kommunikation. Aber keine verständliche Sprache. Eine Bildsprache. Oder Krähen-Esperanto. Sie machen sich aufmerksam für gewisse Bewegungen ihrer Umwelt.

Fest in mir steht deshalb: Krähen haben etwas vom Menschen. In älteren Filmen werden Krähen oft als Sinnbilder des Unheimlichen dargestellt. Auf der Schulter ihrer Besitzer hausend. Magier. Zauberer. Krähen wurden in Filmen zu Ratgebern gemacht. Die Schlauheit der Raben. Auch als Schicksalsboten. Sie sind Hauptdarsteller mancher Gruselfilme. Großmeister HITCHCOCK mochte sie wohl sehr. Deren erscheinen im Film aufgrund ihrer Legende stets Aufregung erzeugte. Die Gesellen des Horrors. Krähen, Raben, Dohlen, welche genau - ich bin mir noch im Zweifel. Die schwarze Farbe ihrer Gefieder erzeugt schon immer den Schein des Unglücks.

KRÄHEN und RABEN, und auch DOHLEN in äußerlicher Ähnlichkeit. Auch in Verwandtschaft. Das wissen Ornitologen. Alle Schwarz. SCHWARZ sei das dunkelste WEISS in den Farbnuancen. So redete auch der polnische Schriftsteller CHRUSZCZEWSKI. Diese filigrane Bezeichnung macht aber nichts besser. Seit HITCHCOCK ist SCHWARZ von Krähen das öffentliche Markenzeichen des Grusels. Krähen oder Raben, harmlos oder feindlich? Sie tragen wohl ihr glänzendes Federkleid als frappierendes Kennzeichen ihres mystischen filmischen Lebens. Anhang GRUSEL, Glanz der Unterwelt, der uns umfängt, denn stürzen wir gedanklich in diese Fallgruben. Manche Geschichten heben die Vermutung, es seien als Krähen Wiedergeborene?? Autoren wie POE, wie HAWTHORNE... Die Freiheit der Geschichten der Autoren.

Der Tag heute beweist nüchtern, Krähen in Gruppen vollführen zumeist höllischen Lärm auf den Bäumen und Wegen. Scheinbar diskutieren, ja bearbeiten sie wichtige Auseinandersetzungen. Gestik mit Kopfwackeln. Gestik gemächlich fortan von einem Bein aufs andere die Gewichtsverlagerung legen. Vielleicht Methode Aufmerksamkeit zu kriegen. Das Gezeter in einem nur Vögel verständliches Esperanto. Sie schreien Meinungen. Das Publikum sind wir. Sicher dabei, das kein Mensch sie versteht. Andere Vögel verstehen, sind so gewarnt. Geprügelte, Verletzte.

Gelassen schaue ich ihnen zu, meine Gedanken flirren Hin und Her, ohne wahre Exaktheit zu begreifen, woher auch. Die Literaturen schwärmen über ihr Dasein in viele Richtungen. Ja, nicht nur HITCHCOCK beschrieb und filmte sie. Grübelnd bemerke ich, mein Ost-Fenster, ich schaue aus dem Ostfenster. Hat das Bedeutung? Im Westen sind sie aber auch heimisch. Keine Aufgabe im persönlichen Plan plagt mich, mein Tagessoll ist fertiggestellt, auch Fernsehen ist heute langweilig. Jetzt diesen frühen Abend. Gelöst vom Journal auf dem Schreibtisch, die biederen Normalitäten. Umweltschützler, wahre Eifrige, kümmern sich um aussterbende Tiger, Löwen, Nashörner. Für Krähen und Raben nicht. Noch nicht. In der Großstadt sind sie zahlenmäßig weniger geworden.

Gruslige Krähen, Raben, dominierten in klassischen Gruselfilmen. Vergangene Epochen. Heute, die Vögel fallen mir auf, da ich minutenlang aus dem Fenster schaue. Für mich sind sie eigentlich kein Thema. Mein Interesse für diese Viecher wächst mit den Dezibel ihres Unterhaltungsradaus. Kaum flexibel, eher flugträge verharren sie lange auf einer Stelle des Astplatzes. Warten auf Gleichartige. Ihr erster Biorhythmen ist wohl still sitzen. Kollektivverhalten. Gesteuertes Ego-Verhalten. Das Wesen ihrer Gattung. Oder - die filmisch interessante Weise als Horrorvögel. HITCHCOCK steuerte sie durch den Film. Er pfropfte ihnen erstmals filmisch die Gruselrolle auf. Ich weiß garnichts über Krähen. Nur - in den hiesigen Tausendquadratmeter hausen sie auch dicht auf Bäumen.

Das Lexikon, welches ich zu Rate ziehe sagt aus: Krähen sind Rabenvogelarten aus der Gattung Corvus. Also sind es deutlich gesagt RABEN - und sie untergliedern sich in Krähen, auch Dohlen, Elstern, Kohlraben, und andere. Krähen sind Raben. Glücklich, dass ich das Lexikon besitze, meinen Wissenshunger befriedigen kann, schlage ich noch gleichartige Stichwörter auf. Krähen verbindet dichte Verwandtschaft, das weiß ich nun, belehrt vom Werk der Wissenschaft. Amüsiert darüber, ich hatte sie doch falsch geordnet, aber ich bin auch verwundert. Doch richtig aufmerksam werde ich durch den folgenschweren Satz: Sie sind intelligenter als andere Vogelarten. Was können sie denn, wenn sie intelligenter als andere sind? Ein wenig grüble ich schon darüber hier diese Krähen auch an der Villa zu haben. Eine eigenartige Bewandtnis...

Ein Hauch von schwarzer Mystik spannt sich überm Garten, aufgrund der Dinge, wie ein enges schwarzes Netz - auch auf meine Gedanken. Ihre Existenz ist sogleich Ursache.

Mein Wissen beschämt mich. Typische Gesellen des Gruselfilms und ich weiß nur wenig über sie. Das neu Hinzugekommene verhilft zu keiner bedeutenden Addition von neuen Eindrücken, nur eines, sie scheinen doch auch manchem Eigenbrötler auch unsichtbar auf dem Rücken zu sitzen. Schaue ich so demnächst die Leute genauer an. Auch nur symbolisch - oder? Aber Erwin Klobtrott nebenan macht den Eindruck eines tiefgreifend Allwissenden, das sind Parkplätze für solche Raben. Er hat einen krummen Rücken, ein prima Platz für so ein Viech?

Eine Phase des Überdenkens entlockt doch Lacher aus meinem Hals - je mehr Nervenfasern in diesem Überlegungsfieber miteifern, um so eher auch bleiben Krähen für mich schwarze, unbekannte Wesen, Vögel, eben Tiere. Was wissen schon Krähen, was können sie schon ausrichten? Dumme harmlose Vögel. Basta.

Ich habe mich selbst mit dieser letzten Überlegung beruhigt. Das Thema ist abgehakt. Nun ist Schluss.

Das Fenster breit auf, damit zugleich frische Luft ins Zimmer strömen kann, lehne ich mich hinaus und sehe noch den Villaeigentümer Oscar Dumal zu SPARFIRMA nebenan laufen, dort kauft er häufig seine Lebensmittel. Ein jüngeres schwarzes Köpfchen schimmert, das Mädchen Vanessa Schimmelpfennig geht sicher wieder zum Frisör, auf hochhackigen Schuhen, etwas unbequem...

Der plötzlich entfachte Krähenkrawall schafft meine Neugier, wie die Eleganz eines neuen Autos. Mein Blick ist gefangen. Noch mehr Krähen setzen sich auf die Pappel. In oberer Stellung auf dem sich verjüngenden Ast eine herausragend riesige Krähe. Vielleicht der Anführer, - so keimt die Idee einer simplen Vorstellung. Der Ast wackelt heftig infolge ihres Gewichts.

Und Meisen und Spatzen haben sich vor ihnen längst aus dem Terrain verflüchtigt. Die Übeltäter weisen zu große Schnäbel auf. Mit einigem Dafürhalten kann man solchen "Spieß" für eine Waffe ansehen. Ein Fakt, der mich nun auch frustriert.

In diesem Moment hallt der laute schrille Ruf: "Zum Angriff!" von irgendwoher, - aus einem unsichtbaren, also bestimmt virtuellen Mund. Vielleicht aus einer imaginären Öffnung in der Luft, eine Singularität, man kennt dies aus Filmen. Und ich griene dabei wie ein Fernsehmoderator, denn was passiert jetzt?

Jemand, ein Semi-Avatar eventuell, hat es gewalttätig geschaffen. Die Stimme ruft weit hinaus über den Garten, wie ein Kommando des vermeintlichen Besitzers dieser schwarzen Vögel, wenn es einen gibt, und es gibt wohl einen, dieser dunklen Stimme nach zu urteilen?

Staunend sehe ich die riesige Krähe ganz voran, den spitzen Schnabel waagerecht um Fleisch aufzuspießen - so scheint mir die Sachlage kritisch zu werden. Der Pulk fliegt heran, ein Vernichtung bringendes Geschwader mehrerer Dutzende Krähen.

Sie fliegen in einer pfeilartigen Formation, Schnabelspitzen todbringend gerichtet, wie gewaltige fleischfressende Hautflügler, die Pterosaurier der Oberen Kreidezeit. Mir fällt das Analoga ein, da ich gestern im Naturkunde-Museum war. Und jetzt - ein Ameisenkrabbeln fließt über meinen Rücken.

Ziel ihres Fluges scheint meine Villa? Mein Herz beginnt heftiger zu schlagen. Hundert Meter noch entfernt. Und ich bilde mir ein, sie streben haargenau auf mein Fenster zu.

Total erschrocken, ja furchtsam, Erinnerungen an Gruselfilme von HITCHCOCK und anderer Filmemacher tauchen im Kopf auf, deren Vögel gar durch den Kamin kamen und die Bewohner zerfleischten bis auch nichts mehr übrig blieb. An Vögel, die, die Leber eines Mannes herauspickten, an Vögel die Augen ausstachen, einfach so, oder an Vögel die ganze Stadtteile terrorisierten. Solche Horrorszenario stürzen jetzt wuchernd in mein Hirn. Ihr unabwendbares Kommen bringt Furcht in meinen Körper. Mein Puls ist sicher auf Neunzig? Nun spüre ich Gefahr...

Blitzschnell schließe ich das Fenster mit behändem Schwung, damit ich schnell genug bin, vor ihnen fertig mit dem Schließen. Schaue angeekelt hinaus. Linien von Angst im Gesicht, die Angst frisst sich scheinbar durch meinen Körper, bis hoch in die Haarwurzeln.

Die Minute wird zur Qual. Blass geworden, zerre ich Gedanken an das Luftgewehr im Keller hervor. Erleichtert, doch ich würde es nicht mehr zeitmäßig schaffen, zu spät der Vorsatz. Gleich sind sie da. Geduckt vernehme ich schon ihren dumpfen Flügelschlag, ihr dumpfes Vogelschreien, das mir höchstes Unheil verkündet, sie fliegen heran. Ich schließe selbstergeben kurz die Augen, erwarte in dem Moment Grauenvolles.

Sie sind knapp vor mir ... plötzlich, völlig unerwartet, ziehen sie im steilen Winkel kräftig nach oben, über die Villa hinweg, im wilden gespenstischen Korso, und sie fliegen davon, als ob sie noch Gnade für mich in letzter Sekunde empfunden hätten?

Oder sie waren gebannt durch meine Sicherheit hinter Beton und Glas.

Ich falle aufs Bett hinter mir. Dann sitzend, strömt all dies nochmals durch den Kopf, und plötzlich quillt stoßweise Zorn durch die Adern - gerettet, aber total bloßgestellt. Blamiert vor mir selbst. Doch ich erkenne, niemand hat den Vorgang glücklicherweise beobachtet...

Sie haben mir große Angst entlockt und dabei wie urige Chamäleons nur getäuscht, eine verrückte, aber doch schlimme Situation simuliert. Ein Beinahe-Geschehen. Die fressende Möglichkeitsform. Man könnte meinen, sie wollten Reaktionen testen? Ja, ich glaube sie sind intelligent. Lernen sie auf diese Weise? Noch immer weiß ich nicht genug von ihnen. Ein Tag ist zu wenig, ein Lexikon ist zuwenig. Meine Angst hat diesen Reflex konstruiert, Halluzinationen geboren. Am deutlichsten aufgrund mancher Filme.

Im Unterbewusstsein meines Hirns lauerte wahrscheinlich schon permanent diese Angst, sie wartet auf den Anlass und ich habe diese innere Invasion meiner Emotionen nie bemerkt. Hinausblickend, sehe ich ganz rechts, an der Kante der Villa, eine Gruppe Jungen Fußball spielen und auch jetzt erschallt wieder ihr zackiges Kommando: "Zum Angriff!". Doch still mein Mut, ich gestehe Zufriedenheit - sie sind weg. Weggeflogen, wie eben Krähen über den Himmel weiterziehen.

Sie sind und bleiben schwarze Krähen, aber auch schwarze Täuscher. Kommunikation? Herausforderung? Geckenhaftes Benehmen? Aber diese hier sind offensichtlich keine schwarzen Gesellen des bösen Unheils. Keine Nachkommen HITCHCOCKs. Das ist nur zu unserer Provokation. Unser erfinderischer Blickwinkel...